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Sudan Retold

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Epilog

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Kunst ist untrennbar mit Geschichte verwoben. Historische Ereignisse bilden oft den Hintergrund der Werke von Künstler*innen und Schriftsteller*innen, die unter Einsatz ihrer künstlerischen und literarischen Fantasie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden und dabei einen Blick in die Zukunft werfen. Dennoch sollte man solche Kunstwerke nicht aus einer rein historischen Warte beurteilen, sondern vielmehr versuchen, ihre Botschaft an das Publikum möglichst genau zu verstehen. Aus ebendieser Perspektive beschreibt der Cartoonist Khalid Albaih das Buch „Sudan Retold“ als eine „Imagination“ des Sudan durch Comiczeichner*innen, Autor*innen, Grafiker*innen, einem Koch, Filmemacher*innen und Maler*innen, die sich der Geschichte des Sudan bedienen und einige ihrer bedeutenden Aspekte in Bildergeschichten, Erzählungen, abstrakten Zeichnungen und sinnlichen und expressiven Bilder reproduzieren. 

Zum ausführlichen Vorwort




































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Die Geschichte in diesem Kapitel beschreibt die Moral der Menschheit, basierend auf einem Entstehungsmythos der Nuer im Südsudan. Sie zeigt, wie die Menschen auf der Erde durch ihr unmoralisches Verhalten ihre Verbindung zum Himmel verlieren. Die Götter ziehen das Seil, welches Himmel und Erde verbindet, nach oben und trennen somit die beiden Welten.
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Für dieses Kapitel lag mein Fokus auf der Steinzeit; mein Interesse bestand darin, herauszufinden, welchen Stil diese Elemente inspirieren würden. Meiner Fantasie freien Lauf zu lassen bei der Erar-beitung des Kapitels, war spannend. Meine Reisen durch Afrika, und besonders durch den Sudan, haben mir Einsichten in die Möglichkeiten dieser Ära gegeben.
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Die Kollektion „Neue Pharaonen“ illustriert mein Verständnis der Einflüsse zweier verschiedener Formen von Kolonialismus in meinem Land: der ägyptisch-britischen Kolonialgeschichte des Sudan sowie der Globalisierung, welche ich als eine moderne Art von Kolonialismus verstehe. „Neue Pharaonen“ beschreibt die kulturellen, sozialen und ökonomischen Auswirkungen dieser Hegemonien.
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Candik ist ein fiktionaler nubischer Charakter, eine Comicbuch- Heldin. Candik kommt von „Kandake“, den mächtigen Königinnen, die einst Meroë regierten. Ausgebildet in der Kunst des Krieges ist Candik eine geschickte Nahkämpferin. Candik wurde von den Göttern auserwählt, ihr Dorf vor dem Bösen zu beschützen. Sie ist die Tochter einer weisen Frau mit dem Namen Tiriz, die von Slaj getötet wurde. Slaj ist ein verrückter alter Mann, der glaubt, er sei der rechtmäßige Herrscher Nubiens. Slajs Vater ist der Gott des Bösen. Er wusste, dass Tiriz die Frau ist, welche ein heroisches Kind auf die Welt bringen wird, das Nubien vor Gefahren beschützen soll. Ihm war bewusst, dass es seinen Tod bedeutet, wenn er einen heroischen Menschen tötet. Und so opferte er sich auf, um seinem Sohn das Erbe der Herrschaft Nubiers zu überlassen. Triz starb um Candik’s Leben zu retten.
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Die Rekonstruktion der Stadt Faras erzählt uns etwas über die christliche Ära des Sudans. Alle Arbeiten in dieser Serie sind Originale und entstanden in einer Mixed-Media-Technik mit handgemachten Stempeln, Tinte, Kollagen und Zeichnungen.

www.instagram.com/daralnaimart



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Sechs Persönlichkeiten lebten in den ersten vierzig Jahren des Blauen Sultanats oder Sultanats von Sannar, das von 1503 bis 1821 bestand. Es war das erste Sultanat, das die meisten der heute existierenden Gesellschaften im Sudan unter eine Herrschaft brachte, wie es im Buch der Klassen von Wed Deifallah heißt, dem ersten bekannten Buch über die Geschichte des Sudan in arabischer Sprache.



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Charles George Gordon (1833–1885), auch Chinese Gordon war ein britischer Armeeoffizier und Verwalter. Er leistete seinen Militärdienst erst in China ab und wurde dann als Gouverneur in den Sudan versetzt. Da die Einzelheiten seines Todes nicht bekannt sind, spinnen sich viele Geschichten um seine Ermordung. Eine romantisierte Darstellung namens „General Gordon’s Last Stand“ findet sich in einer Malerei von George William Joy. In dieser wortlosen Illustration porträtieren wir die Momente kurz vor seinem Tod aus seiner Perspektive und führen die Geschichte fort, auch nachdem er erstochen wurde.
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Dies ist ein Kapitel, das die Leser*innen über das Eisenbahnsystem im Sudan, seine kulturelle Bedeutung und seine Einflüsse auf die sudanesische Gesellschaft informieren möchte. Sikka ist ein fiktionaler Austausch zwischen Adil und Widad, einem Paar in den 1980er Jahren, während des Baus des Eisenbahnsystems. Dieser soll das Leben im Sudan in den 1980er Jahren veranschaulichen.

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Im Sudan gibt es mehr als 500 Sprachen und Dialekte, die aus vier verschiedenen Sprachfamilien stammen. In Anbetracht der Tatsache, dass es in der Welt nur 17 Sprachfamilien gibt, ist der Sudan eines der linguistisch vielfältigsten Länder der Welt. Diese Arbeit zeigt eine Szene aus dem modernen Alltag in Khartum. Sie fängt die Diversität der Menschen der verschiedenen Gemeinschaften ein und wie sie sich in ihren jeweiligen Sprachen begrüßen.
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Fellatah ist der Name einer Gemeinschaft im Westen des Sudans. Die Geschichte beschreibt die Revolution einer der Fellatah während der britischen Herrschaft im Jahre 1921.

Wael Al Sanosi:
https://www.facebook.com/wellyce/
www.wellyce.com

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Der Sudan erlangte seine Unabhängigkeit im Jahr 1956. 2011 teilte sich das Land in zwei. Aber was wäre passiert, wenn die 1924 initiierte Revolution gegen die britischen Kolonisatoren erfolgreich gewesen wäre und zur Unabhängigkeit geführt hätte? Das Militär und die zivilgesellschaftlichen Eliten, die verantwortlich waren für die Aufstände, kamen zum Großteil aus dem Südsudan. Die Geschichte erkundet eine alternative Realität.
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Den Werken in diesem Kapitel liegen die Kindheitserinnerungen meines Großvaters Ibrahim Abdal-la Mohamed zugrunde, welcher 1926 in Port Sudan geboren wurde, als Sohn einer muslimisch-indischen Mutter und eines christlich-indischen Vaters, der kurz nach 1900 in den Sudan migriert und zum Islam konvertiert war. Schon als Kind rang er mit seinem Verständnis von Identität im Sudan unter britischer Kolonialherrschaft. Dies wurde noch erschwert durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die Angriffe, die das Land im Kampf zwischen den italienischen und briti-schen Kolonialmächten erdulden musste.

Sahar Abdalla:
www.facebook.com/0saharabdalla/?hc_location=ufi
www.behance.net/XtraSee

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Ein Telefongespräch mit Haboba1, die aus ihrem Leben auf Aba Island während Numairis Aufstand in den frühen Siebzigern erzählt. Haboba beschreibt ihre Sicht auf die Dinge auf eine spontane und lustige Art und Weise.

Amna Elhassan:
https://www.facebook.com/AmnaArtwork/
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Kunst ist seit hunderten von Jahren ein integraler Teil der sudanesischen Gesellschaft. In der Geschichte des Sudan ist dies beispielsweise sichtbar, wenn man sich die nubischen Tempel und christliche Königreiche anschaut. Über die Jahrhunderte hat sich die Kunst im Sudan immer weiterentwickelt, um die Gesellschaft und ihre Umgebung widerzuspiegeln.
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Ich habe diesen Beitrag geschrieben, um mehr Verständnis für das Verhältnis der Sudanes*innen zu ihrem Essen und ihren Getränken zu vermitteln. Dabei wollte ich mich mit Tabuthemen beschäftigen, um einen persönlichen oder öffentlichen Diskurs darüber und den politischen Einfluss auf Tabus zu initiieren. Die Rolle der Frau in der sudanesischen Gesellschaft ist traditionell betrachtet die einer Hausfrau, allerdings tritt hier Aisha als Versorgerin mit Karriere auf – eine Rolle, die nicht oft dargestellt wird und der eine Stimme fehlt.

Omer Eltigani:
www.sudanesekitchen.com
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Die Idee zu „Briefcase“ begann als eine persönliche Herausforderung. Ich wollte schon immer sudanesische Musik mit anderen Genres, welche ich gerne höre, kombinieren – so wie Hip-Hop, Jazz und Reggae. 2014 veröffentlichte ich meinen ersten sudanesischen Remix unter dem Namen „Min Zaman“, und das Feedback war großartig. So entschloss ich mich, ein „Beat Tape“ zu produzieren.

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Eine „Hakkama“ ist eine Frau, die es in den meisten arabischen Gesellschaften, besonders im Westen des Sudans gibt. Sie improvisiert mit Worten, Rhythmen und einfachen Melodien. Eine Art Instant-Songwriting. Für dieses Talent wird sie respektiert, geschätzt und gepriesen. Es ist eine Gabe, die sie gegen und für die Menschen um sich herum einsetzen kann. Auch die Autoritäten der Gesellschaft respektieren ihre Rolle. Die Gemeinschaft, in der sie lebt, hört auf sie und ordnet sich ihrer Führung unter, da sie dafür bekannt ist, ehrlich, vertrauenswürdig und verlässlich zu sein.


Sarra Saeed:
www.facebook.com/saluteyalbannot

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Hiermit bekommen Sie einen Einblick in das dynamische Leben des Dr. John Garang de Mabior. Das Kapitel schildert das Thema aus der Sicht des Künstlers. Mohamed Dardiri war begeistert und fühlte sich geehrt, über den tatkräftigen Beitrag für die Gesellschaft einer seiner persönlichen Helden nachdenken zu dürfen. Vor Beginn des Informationszeitalters und dem Internet, im Chaos des längsten Bürgerkriegs der Welt im Sudan, bestimmte Propaganda die öffentliche Meinung und die Ansichten der Menschen in Khartum.
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Dieses Projekt zeigt eine Porträtserie mit tausend Gesichtern aus dem Sudan als einen künstlerischen Ansatz, die Geschichte einer Nation mit ihrer Vielfalt an Ethnizitäten und individuellen Geschichten zu erzählen.

http://www.abushakeema.net/
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Als sudanesische Künstlerin glaube ich an Frauen-Empowerment. Ich möchte dieses Konzept in künstlerischer Weise vermitteln. Schon früh, als ich meinen Kunst-Account online anlegte, begann ich Videos über „Old Sudanese Women“ zu kreieren, die in der Vergangenheit eine Rolle spielten. Dabei habe ich die Inhalte zum besseren Verständnis auf eine einfache und spielerische Weise dargestellt. Für dieses Kapitel hatte ich eine alternative Idee. Ich wollte einen kreativen Weg finden, sudanesische Frauen aus dem Süden und Westen visuell zu präsentieren – mit Objekten, die typisch für die jeweilige Region sind und in ein Kunstwerk verwandelt werden. Alle Kunstobjekte basieren auf sudanesischer Kultur, die auf eine moderne Art dargestellt wird. Ich habe bewusst ältere Frauen für die Fotos ausgewählt. Ich habe mich für ein künstlerisches Make-up für sie entschieden, inspiriert durch die lokalen Schönheitsmerkmale. Ich wollte ihre Schönheit auf eine alternative Art und Weise darstellen und dem Leser oder der Leserin das Alter und gleichzeitig die Stärke der Frauen vermitteln.

Enas Ismail: Instagram @Alfanjaryaart
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Berenice erzählt die Geschichte eines goldenen Königreichs, in dem die antiken Pharaon_innen ihr Gold aufbewahrten. Berenice, eine schöne junge Frau mit goldenen Augen und prachtvollem schwarzem Haar, lebte einst in diesem Königreich. Ein eifersüchtiger Dschinn verliebte sich in sie und machte das gesamte Königreich für jeden unsichtbar, der versuchte es zu finden. 1989 änderte sich die Situation im Sudan und der Dschinn wusste, dass er unter diesen Bedingungen nicht weiter mit seiner Prinzessin im Königreich leben konnte. So entschied er sich, Berenice aus dem Königreich in den Untergrund zu bringen. Nachdem somit sein Schutz über die Stadt nicht mehr bestand, „entdeckten” zwei italienische Archäologen das Königreich und nannten es Berenice.

Enas Satir:
https://www.facebook.com/satirdesigns/
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Während der Recherche zu meinem Thema suchte ich nach einem Beispiel für einen positiven Einfluss auf den Sudan mit griechischem Ursprung. Ich konnte kein besseres Beispiel als „Pasgianos“, ein Softgetränk, finden. Es wurde von George Dimitri Pasgianos erfunden. Soweit ich herausfinden konnte, versuchte er griechische Kultur in den Sudan zu bringen, und so benutzte er sudanesische Zutaten, die er mit einer griechischen Technik zu einem sprudeligen Getränk verarbeitete. Das Schöne daran ist, dass viele Sudanesinnen und Sudanesen Pasgianos mögen und beim Gedanken daran nostalgisch werden, vor allem diejenigen, die außerhalb des Sudan leben.


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„100 Jahre Schönheit | Sudan“ ist ein Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, sowohl die natürliche Schönheit als auch den modischen Sinn der sudanesischen Frau über die Jahrzehnte hinweg zu zeigen, und wie sie von ökonomischen, kulturellen und politischen Faktoren sowie der Globalisierung betroffen und weiterhin beeinflusst ist. Die sudanesische Frau ist stark und einzigartig, und dies manifestiert sich in ihrem Aussehen, egal ob sie sich entscheidet, sich aufzutakeln, oder ob sie natürlich bleibt. Sie lässt es mühelos aussehen, traditionell mit einem Hauch von Moderne zu bleiben. Das Projekt wurde von der Kraft und Schönheit unserer Mütter, Tanten, Großmütter und Urgroßmütter inspiriert und basiert auf alten Familienalben sowie Fotos aus Büchern im Internet.
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Am 1. Januar 1956 verkündete der Sudan seine Unabhängigkeit von der britisch-ägyptischen Besatzung, welche 58 Jahre gedauert hatte. Eine besondere Zeremonie wurde abgehalten, in der die britische und die ägyptische Flagge eingeholt wurden. Der damalige Premierminister Ismail Al-Azhari hisste während der Feierlichkeiten die sudanesische Flagge. Die Geschichte beschreibt den Morgen, an dem diese Flagge zum ersten Mal gehisst wurde, so wie Abbas sie seinem Esel erzählte. Er empfahl ihm diesen Moment für eine Zeitreise, da dies die großartigste Party in der Geschichte des Sudan gewesen sein muss.
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Das Kapitel erzählt die Geschichte Suakins (900 v. Chr.) mit Hilfe eines fiktionalen Dialogs zwischen einem Besucher und einer der alten Seelen Suakins neu. Suakin, eine antike Stadt die heute in Trümmern liegt, war vom 15. bis 19. Jahrhundert eine der wichtigsten Hafenstädte der afrikanischen Küste des Roten Meeres. Einer Legende zufolge verbannte König Salomon alle Dschinns nach Suakin, wo sie seither ihr Unwesen trieben.

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Die Beja sind Gemeinschaften, die im Osten des Sudans leben. Ihr herausragendes Erbe ist ihr Hel-denmut, der vom Altertum bis zu den afrikanischen Unabhängigkeitskriegen des 20. Jahrhunderts bekannt ist. In diesem Kapitel wollen wir einen kleinen Eindruck von ihrer Tapferkeit liefern.

Mohamed Yahia:
www.facebook.com/alhaggay/

Yousuf Elameen:
https://www.instagram.com/yakam_dudes/
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Eine Gruppe schwarzer Soldaten aus dem Sudan im 18. Jahrhundert, gut ausgebildet, angstfrei, immer in der Unterzahl, immer siegreich. Viele Jahre haben diese Männer in Mexiko gekämpft.

Mohamed Yahia: 
www.facebook.com/alhaggay/

Yousuf Elameen:
https://www.instagram.com/yakam_dudes/
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Idee: Khalid Albaih
Herausgeber_innen:
Khalid Albaih, Larissa-Diana Fuhrmann
Texte, Kunstwerke, Musik: involvierte Künstler_innen 
Editorial: Larissa-Diana Fuhrmann, Khalid Albaih, Holger Konrad, Amani Lazar, Locale: Qutouf Yahia, Rund AlArabi
Übersetzungen: Larissa-Diana Fuhrmann, Isis Hakim, Najwa Sabra, Ghazi Eltayeb, Günther Orth
Design Team: Locale: Aala Sharfi  
Verlag: Hirnkost KG
Förderung: Goethe-Institut Sudan

© 2019 Goethe-Institut
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Ausführliches Vorwort

Als ich noch sehr jung war, zog ich mit meiner Familie aus dem Sudan, einer mehrheitlich sudanesischen Gesellschaft, nach Katar, einem Land mit mehrheitlich internationalen Arbeitskräften. Ich bin mit Menschen aus aller Welt aufgewachsen und habe dabei gelernt, Gespräche in vielen Sprachen zu beginnen. Mit jeder Unterhaltung und Einführung in ein Land gab es immer ein geistiges Bild, das den jeweiligen Ort und seine Leute repräsentierte – dieses mentale Bild entsteht normalerweise aus der Ansammlung von medialen Eindrücken und Gesprächen. Zum Beispiel: der Felsendom für Palästina, Ikea für Schweden, die Pyramiden für Ägypten, Qadafi für Libyen und so weiter … Leider hatten die meisten Menschen, so auch ich, wegen des Mangels an sudanesischer Medienproduktion keine Vorstellung vom Sudan.

Ich fand mich immer wieder in der Situation das einst größte Land Afrikas beschreiben zu müssen: „Der Sudan ist das größte Land in Afrika“, „Wir haben die meisten Pyramiden der Welt“, „Der Nil entsteht tatsächlich im Sudan“, „Nein, nicht der ganze Sudan ist ein Dschungel“ … Man versteht, worum es mir ging.

Sudanes_innen sind sehr stolze Menschen. Der Mangel an Wissen über und Wertschätzung für einen pluralistischen Sudan war jedoch das Ergebnis erfolgreicher Bemühungen der politischen Arabisierung und Islamisierung des Sudans seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1956.

Wie viele andere wusste ich nur, was ich von meiner Familie hörte, darüber, wie sauber und organisiert die großen Städte waren, wo jeden Morgen Milch in Glasflaschen in die Häuser geliefert wurde, wo die Leute mit der Straßenbahn und den gut ausgerüsteten Zügen fuhren, wie etabliert die staatliche Universität Khartum war. Das ist jedoch nicht genug, um ein geistiges Bild für mich zu erschaffen, geschweige denn für den Rest der Welt.

Dieses Buch ist der erste selbstsüchtige Versuch, ein geistiges Bild des Sudans mit Hilfe der Erinnerungen anderer Künstler*innen auszubauen.

Sudan Retold ist die allererste Sammlung ihrer Art, die versucht, kreative Erzählungen von Comicautor*innen, Grafiker*innen, Köch*innen, Filmemacher*innen und Illustrator*innen zu verschiedenen historischen Momenten des Sudans zusammenzustellen. Diese Künstler*innen wurden 2017 nach einem Bewerbungsaufruf des Goethe-Instituts in Khartum ausgewählt.
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Sudan – der Name kommt vom Arabischen bilād as-sūdān (بلاد السودان), „das Land der Schwarzen“, und bezieht sich auf das Land, in dem die zwei Nile aufeinandertreffen und in dem 74 Sprachen gesprochen werden; wo die Königinnen der nubischen Zivilisation vor 4000 Jahren Matriarchate anführten, die Bewohner*innen später die Römer zurückschlugen und 255 Pyramiden bauten, die doppelte Anzahl der Pyramiden in Ägypten. Jahrtausendelanger Handel und Hajj-Pilgerrouten vermischten Menschen, Kulturen und Traditionen. Es ist das Land, das türkische, ägyptische und englische Kolonialist_innen bekämpfte, eindrucksvolle Kirchen und Moscheen beherbergt und dafür bekannt ist, in den letzten 62 Jahren drei Revolutionen durchlebt zu haben. Malcolm X besuchte den Sudan 1959, gefolgt von anderen einflussreichen Persönlichkeiten wie Louis Armstrong, Harry Belafonte, Jimmy Cliff und Miriam Makeba.

Heutzutage wissen die meisten Menschen nur wenig über die reiche Geschichte des Sudans, seine facettenreiche Gegenwart und die vielfältige Bevölkerung. Internationale Medien berichten zunehmend über Kriege, Hungersnöte und politische Krisen, wobei ein unvollständiges Bild des Landes gezeichnet wird, welches bis vor seiner Spaltung vor ein paar Jahren das flächenmäßig größte Land Afrikas war.

Im Juni 2016 kontaktierte mich Khalid Wad Albaih, der mir von seinem Konzept zur Graphic Novel Sudan untold/retold erzählte. Dabei sprach er davon, wie wichtig er es finde, jungen Künstler*innen die Chance zu geben, in einem Buch sudanesische Geschichte(n) zum ersten Mal zu erzählen oder neu zu interpretieren. Dabei sollten die Künstler*innen Geschichten des Landes ihrer Vorfahren mit Hilfe von Fotografie, Poesie, Geschichtenerzählung, Malerei und mehr darstellen. Khalids Idee sollte auf diese Weise eine Leerstelle ausfüllen und die Darstellung und Anerkennung des Sudans außerhalb seiner Grenzen ausbauen.

Durch eine Bewerbungsaufforderung fanden sich dreißig ausgesuchte Künstler*innen und kreative Köpfe mit den unterschiedlichsten Interessen und Fähigkeiten für das Projekt zusammen. In einem dreitägigen Workshop im Januar 2017 präsentierte Khalid seine Vision; sofort kamen Ideen auf und Diskussionen entflammten unter den Künstler*innen. In den folgenden Wochen sollte die Gruppe ihre Ideen ausbauen und auf Papier bringen. Als die Nachrichten über den Workshop und das Buch die Diaspora erreichten, bekamen wir immer mehr Kapitelvorschläge. Nachdem die ursprünglichen Konzepte ausgearbeitet und erste Entwürfe fertig waren, fand ein weiterer Workshop mit dem deutschen Comickünstler Reinhard Kleist statt, der zusätzlichen Input zur Realisierung der ersten sudanesischen Graphic Novel gab. Durch den Enthusiasmus der Künstler*innen brachten es 26 Kapitel in die finale Auswahl für das Buch. Sie geben einen Einblick in den Sudan aus der Perspektive der Künstler*innen. Der Band soll zum Wissen über den Sudan beitragen und das Bewusstsein von der reichen, aber verschleierten Geschichte des afrikanischen Kontinents erweitern.
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„Sudan Retold“  ist in mancher Hinsicht mit dem sudanesischen Roman „Zeins Hochzeit“ vergleichbar, den sein Verfasser at-Tayyib Saleh mit Begebenheiten und Traditionen vom Land bereicherte, in anderer Hinsicht mit „Die Sehnsucht des Derwisch“ von Hammour Ziyada, einem neueren sudanesischen Roman, dessen Handlung überwiegend in der türkischen und mahdischen Periode des Sudan angesiedelt ist.

In „Sudan Retold“ zeigen Künstler*innen, Zeichner*innenn, Historiker*innen und Laien durch Zeichnungen und erklärende Texte die Beziehung von Geschichte, Kunst und Literatur auf. Es geht ihnen dabei nicht in erster Linie um historische Details, sondern um ein Begreifen historischer Zusammenhänge anhand künstlerischer Darstellung. Das Buch ist dreisprachig (Arabisch, Englisch, Deutsch) und ermöglicht es so einer breiten Masse an Sudan-Interessierten, durch Lesen, Sehen und Verstehen einen Einblick in die sudanesische Geschichte zu erhalten. Sie können mit diesem Buch einen Blick hinter den Zaun historischer Dokumente und sudanesischer Geschichtsbücher werfen.

„Sudan Retold“ beginnt mit der Steinzeit, die der Künstler AlMigdad Aldikhaiiry in vier abstrakten Gemälden darstellt, in denen die besondere Bedeutung des Nils schon für die Menschen der damaligen Zeit hervortritt. Diese jagten, hielten Vieh und betrieben Landwirtschaft, wo immer dies im Sudan möglich war.

Sara Alamin Badawi behandelt dagegen die meroitische Zeit mit einem Gemälde einer „Kandake“-Königin. Die meroitischen Herrscherinnen waren berühmt für ihre Kriegskünste, weswegen die Künstlerin ihr Werk mit „Die Superheldin Candik“ betitelt. Ihre Königin hat schwarze nubische Gesichtszüge, dicke Lippen und Zöpfe, die ihr über die Schulter hängen. Ihre Stirn, ihre Ohren, ihr Hals und ihre Glieder sind mit Goldschmuck verziert.

Die christliche Periode des Sudan ist mit sechs suggestiven Bildern der Künstlerin Dar Alnaim Mubarak vertreten, die die Stadt Faras darstellen. Die dortige Kirchenarchitektur und ihre imaginären Frauenbildnisse sind Teil des vergangenen christlichen Erbes des Sudan.

Es folgen künstlerische Bearbeitungen der islamischen Zeit, so die Charaktere aus dem ersten Sultanat von Sannar, welches die meisten ethnischen Gruppen am sudanesischen Nil unter der Herrschaft der Fundsch vereinte. Hazim Alhussain illustriert Aspekte der türkisch-ägyptischen Herrschaft über den Sudan (1821-1881) mit einem pharaonischen Bild, das auf den tyrannischen Charakter dieser Phase verweist. Malaz AbdAllah Osman und Mawadda Kamil dagegen steuern drastische Bilder von der Tötung von General Gordon 1885 vor den Kampfverbänden der Hikm-Dariya in Khartum bei. Damit ist die Phase des Mahdi (1881-1898) im Buch abgedeckt, aber noch einmal steht der Pharao sinnbildlich für die Periode des Kondominiums (1898-1956), der ägyptisch-britischen Herrschaft über den Sudan, gegen die sich ein hartnäckiger nationaler Widerstand entwickelte.

Wael Al Sanosi wirft ein Schlaglicht auf die Kämpfe des Rebellen Faqih Abdullah Al-Suheini, während Sadig Gasim Mukhayer und Yasir Faiz zwei Aquarelle zur Revolte der „Weißen Flagge“ beisteuern, deren Anführer vor Gericht gestellt wurden. Die hypothetische Frage im Beitext lautet, ob ein Sieg des damaligen Aufstandes und damit die Erlangung der Unabhängigkeit nicht die Abspaltung des Südsudan im Jahr 2011 verhindert hätte. Schließlich stammte der Anführer der Revolte Ali Abdullatif aus dem Süden, so die beiden Künstler.

Am Ende dieser historischen Zeitschiene steht der Name John Garang auf schwarzem Grund, eine Arbeit des Bildhauers Mohamed Dardiri, der die Unabhängigkeit seines Landes und alle darauffolgenden demokratischen und militärischen Regierungen selbst erlebt hat, bis der Sudan am 30. Januar 1989 von einem Militärputsch überrollt wurde. John Garang de Mobior kommt Dardiri hier in den Sinn, der Gründer der „Volksarmee zur Befreiung des Sudan unter dem Banner von Gleichheit und Gerechtigkeit“. Gleichwohl rühmte die politische Propaganda in Khartum den Krieg gegen den Süden, verherrlichte seine Märtyrer*innen, kriminalisierte die Südsudanes*innen und zeichnete ein Zerrbild von Garang. Dardiri entlarvte dieses Geschwätz, als er über elektronische Medien den wahren Charakter von John Garang als den eines tapferen Kämpfers kennenlernte und Zugang zu seiner nationalen Mission der Einheit fand, die er in poetischen, sprachgewaltigen Versen besang. In diesem Zusammenhang entstand Dardiris in Schwarz gehaltene Grafik als Ehrung seines „Helden“ John Garang, den auch Präsident George Bush in den Friedensverhandlungen von 2005 als einen ehrlichen Partner bezeichnet hatte.

Der chronologische Durchlauf von der Steinzeit bis zur Globalisierung, der „dritten“ Kolonialisierung in Gestalt eines „neuen Pharaos“, gestattet einen Einblick in die Vielgestaltigkeit der sudanesischen Geschichte, die den sudanesischen Charakter im Guten wie im Schlechten geformt und die verschiedene ethnische, kulturelle und religiöse Zugehörigkeiten hervorgebracht hat. Die Regierungen seit der Unabhängigkeit waren jedoch unfähig, mit dieser Vielfalt umzugehen und sie in den Dienst einer attraktiven Einheit des Landes zu stellen. Das Ergebnis war die Abspaltung des Südsudan vom Norden im Jahr 2011.

Die zweite Dimension, der das Interesse der an diesem Buch Beteiligten gilt, schlägt sich in jenen Bildern nieder, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit der sudanesischen Identität beschäftigen. Ein Zitat von Mansour Khalid fasst es zusammen: „Die Sudanes*innen sind keine Nation im anthropologischen oder genealogischen Sinn, aber politisch sind sie ein Volk, dessen Bestandteile sich in einem bestimmten geografischen Raum und historischen Rahmen vermischt haben, ohne dabei ihre Besonderheiten aufzugeben.“ Beleg dafür ist das Gemälde der Künstlerin Alaa Satir im Comic-Stil, in dem sie ebenjene Vielfalt regionaler und sprachlicher Art in Wort und Bild festhält und in dem das arabische Marhaba („Hello“) in Dutzenden Sprachen und Dialekten daherkommt. Auch die über tausend Porträtfotografien von Ahmad Abushakeema aus allen Landesteilen des Sudan bilden diese Pluralität ab.

Die Herausgeber*innen dieses Buches verweisen auch auf die Bedeutung der sudanesischen Eisenbahn, die die britischen Besatzer gebaut hatten und die die kulturell unterschiedlich geprägten Landesteile enger aneinanderband. Verdeutlicht wird dies mit einer Karte der nord-südlich und ost-westlich verlaufenden Bahnstrecken des Sudan. Im Hintergrund der Landkarte erscheint ein volkstümliches Gedicht, das die Sehnsucht nach dem Reisen durch die verschiedenen Landesteile zum Ausdruck bringt. Ähnlich romantisch ist der Liebesbrief eines bahnreisenden Ehemannes an seine Frau und ihre Antwort darauf.

Nicht weniger bedeutsam als die Eisenbahn waren für die Kommunikation im Sudan die parallel dazu aufgebauten Telefonleitungen. Ein verschriftlichtes historisches Telefongespräch zeigt einerseits die Bedeutung des Telefons für die Kommunikation zwischen den Generationen, andererseits dokumentiert es einen Augenzeugenbericht von dem Angriff auf Aba Island im Jahr 1970 unter Präsident Numeiri (1969-1985).

Ein drittes Motiv in „Sudan Retold“ besteht in eingestreuten Aufnahmen von sudanesischen Frauen, die von der Fotografin Enas Ismail und ihrem Kollegen Yasir Abuagla stammen. Sie zeigen betagte Frauen aus dem Süden und dem Westen des Sudan mit leichtem künstlerischem Make-Up in ihren jeweiligen lokalen Traditionen. Sie verweisen zudem, zusätzlich zur „Superheldin Candik“, auf die Rolle von Frauen im öffentlichen Leben des Sudan. Rayan Nasir zeigt uns zudem ihre Sicht auf die weibliche Ästhetik des Sudan in einem Zeitraum von hundert Jahren (1910-2010). Die von ihr dargestellten Frauen besitzen eine natürliche Schönheit, und ihre Eleganz verbindet Vergangenheit und Gegenwart unter dem Einfluss kultureller und zeitgenössischer Faktoren.

Viertens geht es in diesem Buch auch um den sufischen Islam des Sudan, zumal in den Bildern von Idris Wad al-Arbab, Sheikh Ismail, Thair Barti Al Muslimi (Abu Daleeq) und Al Joker Sheikh Salman Zaghrat. Letzterer war in seiner Jugend dem sudanesischen Bier Marisa zugetan, schwor dem Alkohol aber schließlich ab und wandte sich als Mystiker dem Volk zu. Es ist nicht zuletzt dem Sufismus zu verdanken, dass Toleranz, Bescheidenheit und Menschenfreundlichkeit ein Teil des sudanesischen Charakters sind.

Zuletzt möchte ich den Herausgeber*innen und Macher*innen dieses Buches von ganzem Herzen gratulieren. Mit „Sudan Retold“ haben sie einen besonderen Beitrag zur „Khartumer Schule“ geleistet, die von Ibrahim El Salahi, Ahmed Shibrain und Kamala Ishaq begründet wurde. Der vorliegende Band präsentiert bedeutsame künstlerische Arbeiten, die in besonderer Weise das Gewissen der sudanesischen Revolution ansprechen, die im Dezember 2018 begonnen hat. Es ist ein Aufstand für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, ja für ein anderes Leben, denn die herkömmliche Lebensweise steht den Ambitionen unserer aufbegehrenden Jugend entgegen. 


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